Deutsche Presseforschung Bremen

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Jüdische Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg

Debatten über den Krieg, den Antisemitismus sowie die deutsch-jüdische Identität in der deutsch-jüdischen Presse, 1914-1918

 

Dr. Stephanie Seul

Die deutschen Juden hofften bei Kriegsausbruch im August 1914, durch ihren Kriegseinsatz für alle sichtbar beweisen zu können, wie sehr sie sich als Teil der deutschen Nation verstanden. Die Verkündung des „Burgfriedens“ durch Kaiser Wilhelm II. weckte die Erwartung, dass Diskriminierung und Antisemitismus überwunden seien und die jüdische Minderheit nunmehr die vollständige gesellschaftliche Gleichstellung und Anerkennung finde. Die Mehrheit der deutschen Juden reagierte daher auf den Kriegsausbruch mit patriotischer Begeisterung; interne Differenzen und Spannungen zwischen Liberalen, Zionisten und Orthodoxen traten angesichts der nationalen Bedrohungslage zunächst in den Hintergrund.

Doch der „Burgfrieden“ sollte sich bald als Illusion erweisen. Deutsch-völkische Kreise lehnten den Einschluss von Sozialisten und Juden in das nationale Kriegsbündnis ab. Schon im ersten Kriegsmonat riefen antisemitische Organisationen zu „Kriegsermittlungen“ gegen Juden auf. Mit zunehmender Kriegsdauer und schwindenden Aussichten auf einen Sieg verschärfte sich die antisemitische Propaganda, die die Juden als Drückeberger und Kriegsgewinnler diffamierte. Die Oberste Heeresleitung reagierte darauf am 1. November 1916 mit der „Judenzählung“, die vordergründig die antisemitischen Vorwürfe entkräften sollte, de facto aber das Gegenteil erreichte und einer Aufkündigung des „Burgfriedens“ gleichkam.

In der deutsch-jüdischen Presse setzte zu Beginn des Ersten Weltkrieges eine intensive Debatte über die Bedeutung des Krieges für das deutsche Judentum und die Position der Juden innerhalb der deutschen Nation ein. Alle Zeitungen und Zeitschriften, seien sie liberal, orthodox oder zionistisch, bekannten sich zunächst patriotisch zum Krieg und druckten die Appelle jüdischer Organisationen ab, die die deutschen Juden aufforderten, sich mit ganzem Herzen dem Kriegseinsatz zu widmen. Die anfängliche Kriegseuphorie wich jedoch schon wenige Wochen nach Kriegsausbruch kritischen und ernüchterten Stimmen, die die offensichtliche Brüchigkeit des „Burgfriedens“ und das rapide Anwachsen des Antisemitismus beklagten.

Das Projekt untersucht, wie sich der Kriegsausbruch auf das jüdische Leben in Deutschland auswirkte. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Debatten in der deutsch-jüdischen Presse über die jüdische Identität und die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft. Dieses Medium ist in besonderer Weise dazu geeignet, die Lebensfragen des deutschen Judentums zu erforschen, da es zu allen wichtigen Feldern der Politik, des sozialen Lebens und der Kultur Stellung nahm. Die unterschiedlichen programmatischen Strömungen des Judentums – Liberale, Orthodoxe und Zionisten – verfügten jeweils über ihre eigenen Publikationsorgane, in denen aktuelle Themen debattiert wurden. Die deutsch-jüdische Presse dokumentiert daher eindrücklich, wie das deutsche Judentum den Ersten Weltkrieg erlebte und deutete.

Kontakt: sseul@uni-bremen.de

Publikationen:

Die deutsch-jüdische Presse im Ersten Weltkrieg: Stand und Perspektiven der Forschung. In: Holger Böning und Susanne Marten-Finnis (Hrsg.), Aufklären, Mahnen und Erzählen. Studien zur deutsch-jüdischen Publizistik und zu deren Erforschung, zum Kampf gegen den Antisemitismus und zur subversiven Kraft des Erzählens. Mit der Edition einer Denkschrift des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V.“ zu Friedhofs- und Synagogenschändungen aus dem Jahre 1929. Festschrift für Michael Nagel. Bremen: edition lumière, 2015, S. 177-198.

„Großer Friedensstifter“ – „Befreiung des russischen Judentums“ – „bewusstes Walten Gottes“: Deutsch-jüdische Pressediskurse über den Beginn des Ersten Weltkriegs, 1914 1915. In: Cornelia Rauh, Arnd Reitemeier und Dirk Schumann (Hrsg.), Kriegsbeginn in Norddeutschland. Zur Herausbildung einer ‚Kriegskultur‘ 1914/15 in transnationaler Perspektive. Göttingen: Wallstein, 2015, S. 128-154.

 

Vorträge:

“Presenting and archiving the Jewish war experience: The German-Jewish press 1914-1918”. Recording, Narrating and Archiving the First World War, 10th Conference of the International Society for First World War Studies, 9.-11 Juli 2018, Deakin University, Melbourne, Australien.

A forum for self-reflection on the Jewish war experience: The German-Jewish press, 1914-1918”, Vortrag auf der Konferenz 68th Annual Conference of the International Communication Association, 24.-28. Mai 2018, Prag, Tschechische Republik.

“Promoting the Jewish war experience 1914-1918 in the German-Jewish minority press.” ECREA Communication History Workshop Our Group First! – Historical Perspectives on Minorities/Majorities, Inclusion/Exclusion, Centre/Periphery in Media and Communication, 7.-9. September 2017, Budapest, Ungarn.

„The Representation of the Jewish War Experience in the German-Jewish Press, 1914-1918“. Vortrag auf der „ECREA 5th European Communication Conference“, Lissabon, Portugal, 12.-15. November 2014.

„Jewish Perspectives on the Great War: Discourses of the German-Jewish Press on the War, the Rise of Anti-Semitism, and German-Jewish Identity“. Vortrag auf der Konferenz „Perspectives on the Great War / Rückblick auf den Ersten Weltkrieg“, Queen Mary, University of London, 1.-4. August 2014 (gefördert durch einen Reisekostenzuschuss des DAAD).

„The German-Jewish press as a source for the history of the Jewish war experience 1914-1918“. Vortrag auf der Konferenz „The Jewish Experience of the First World War“, Jewish Museum und Wiener Library, London, 11.-13. Juni 2014.

„The Representation of the First World War in the German-Jewish Press, 1914-1918“, Vortrag im Dipartimento di Lettere e Filosofia, Università degli studi di Trento, 29. Mai 2014.

„The impact of World War I on German Jewry: An analysis of the discourses in the German-Jewish press“. Konferenz „Minorities and the First World War“, University of Chester, 14.-15. April 2014 (gefördert durch einen Reisekostenzuschuss der Zentralen Forschungsförderung der Universität Bremen).

 

Work in progress

Die Jüdische Rundschau im Ersten Weltkrieg: Schnittstelle zwischen Front und Heimat, jüdischer Gemeinschaft und nicht-jüdischer Öffentlichkeit, deutschem und transnationalem Kommunikationsraum

Der Erste Weltkrieg löste in der deutsch-jüdischen Presse eine lebhafte Debatte über die Bedeutung des Krieges für die jüdische Gemeinschaft und ihre gegenwärtige und zukünftige Position innerhalb der deutschen Nation aus. Das aktuelle Aufsatzvorhaben beleuchtet die Rolle der Jüdischen Rundschau während des Krieges. Am 19. März 1915 schrieb das Blatt über die jüdische Presse in Kriegszeiten: „Sie vermag die jüdische Gesamtheit zusammenzuhalten, von den Leiden unserer Brüder Kenntnis zu geben, das Gewissen des Judentums aufzurütteln und auch der nichtjüdischen Öffentlichkeit zu sagen, was das Schicksal der Juden ist und was wir für unsere Zukunft erwarten.“ Die zionistische Wochenzeitung sah daher eine ihrer Kernaufgaben darin, als Verbindungsglied zwischen den zionistischen Soldaten und den Glaubensgenossen in der Heimat zu wirken. Die Redaktion schickte das Blatt an ihre Abonnenten ins Feld und organisierte anlässlich jüdischer Feste den Versand von tausenden von „Liebesgaben“ an die jüdischen Frontsoldaten. Die Jüdische Rundschau richtete sich dabei nicht nur an deutsche Leserinnen und Leser, sondern auch an die jüdischen Gemeinschaften in Osteuropa unter zaristischer Herrschaft; selbst in Palästina wurde sie von Zionisten und ihren Sympathisanten gelesen. Sogar einige jüdische Soldaten aus Großbritannien sollen das Blatt in Palästina gelesen haben. Folgerichtig lag der inhaltliche Fokus der Jüdischen Rundschau nicht auf Deutschland, sondern auf Meldungen über jüdisches Leben im Ausland; das Blatt berichtete auch regelmäßig über die jüdischen Gemeinschaften in den gegnerischen Nationen. Durch diese globale Perspektive sollte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den deutschen Juden und jüdischen Gemeinschaften rund um den Globus erzeugt werden. Durch ihre Verbreitung über Deutschlands Grenzen hinaus förderte die Jüdische Rundschau zudem die Entstehung einer transnationalen jüdischen Öffentlichkeit.

© Stephanie Seul, 20.6.2019

 

 

 

 

 

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